[linux-l] Geeks Traum [hier: Referenzsysteme]

Thorsten Stöcker tstoecker at baerensoftware.de
Sa Dez 29 10:32:49 CET 2007


Moin,

Am Samstag, 29. Dezember 2007 09:29 schrieb Peter Ross:
> On Fri, 28 Dec 2007, Thorsten Stöcker wrote:
> > Nur frage ich mich, warum deutsche Wissenschaftler in aller Welt so
> > begehrt sind, wenn doch unser Bildungssystem so schlecht ist.
>
> Soweit ich Pisa-Studien und andere Berichte verstanden habe, betreffen
> die Mängel nicht so sehr die Spitze, eher einen ziemlich großen Anteil
> schwächerer Schüler, die erheblich zurückbleiben, und die sich vorallem
> aus sozial schwachen und Migrantenfamilien rekrutieren.
>

Das Problem ist meiner Meinung nach eher da angesiedelt, das es in 
Deutschland, ähnlich aber nicht so stark ausgeprägt wie in England, ein 
Klassenbewußtsein gibt. Speziell auf dem Land und in kleineren Städten. Und 
wie gesagt Pisa vergleicht reines Wissen und das ist nicht unbedingt 
vergleichbar. Es krank an der Vergleichbarkeit der Schulsysteme und der 
Sprachen. Deutsch ist ungleich komplexer als andere Sprachen, Französisch ist 
ungleich schwieriger zu schreiben, von Chinesisch wollen wir gar nicht erst 
anfangen. Wie willst Du das vergleichen?

> Dabei wird oft die extrem frühe Selektion (oft schon nach vier
> Schuljahren) in Gymnasien, Real- und Hauptschulen als Grund angegeben.

Nun, ich finde diese Aufteilung auch Unsinn, zumindest nach der 4. Klasse, in 
Berlin(West) war es die 6. Klasse.  Was die Sache graduell besser macht, da 
aber die Lehrer die Empfehlung geben....

> Dadurch entstehe früh eine sich ausgegrenzt fühlende "Bodenschicht".
> Sprach- und Kulturunterschiede werden so ebenfalls zementiert und nicht
> durch einen längeren gemeinsamen Weg gemildert.
>

Wobei hier immer wieder gesagt werden muß, daß jede Kette nur so stark ist wie 
ihr schwächstes Glied, sprich der längere gemeinsame Weg führt unter 
Umständen zu einer Benachteiligung der Schwachen und der Starken. Ich gebe 
Dir Recht das es sozial egalisierend wirkt. Einen Versuch in Berlin, die 
Vorteile beider Schulsysteme zu verbinden, ist dank der CDU und der CDU 
geführten Bundesländer nie über das Versuchsstadium hinausgekommen.

> Selbst aufgewachsen im bis zur 10.Klasse eingliedrigen Schulsystem der DDR
> und nun, auch über meine Tochter, das ebenfalls weniger selektierende
> Schulsystem Australiens erlebend, erscheint mir das glaubhaft.
>

Bedingt würde ich behaupten. Da zumindest in der DDR ja um das Schulsystem 
herum ein weit größeres Angebot aufgebaut war. Ein Schulsystem so oder so, 
wird immer dazu führen, das ein Teil hinten runter fällt, es geht darum 
diesen Teil zu minimieren und damit die Effizienz zu steigern. Die USA haben 
z.B. die höchste Analphabeten-Rate der Industrieländer, das wirkt sich bei 
der Bewertung in Pisa aber nicht aus. Schon alleine deshalb ist Pisa 
Schwachsinn und aus dieser "Studie" dann Änderungen des Schulsystems und des 
Rahmenplans abzuleiten ist die Quadratur des Schwachsinns.

> Mir scheint, daß bei letzterem das viel auf Ermutigung und Lob, und
> weniger auf Druck als ich es erlebt habe, aufbauende Lernen ebenfalls eine
> nicht unbedeutende Rolle spielt.
>

Nun, wie gesagt, die soziale Komponente ist nicht zu unterschätzen. Vor allem 
was gerne vergessen wird. Im Kindergarten bringt man den Kindern bei im Team 
zu agieren, dann werden sie durch eine Schule geschleust, hier gibt es kein 
Team sondern eine massive Konkurrenz und dann im Beruf sollen wieder alle als 
Team funktionieren. Leider haben sich die fortschrittlichen Lehrmethoden in 
Deutschland nicht durch gesetzt und durch den Pisa-Unsinn werden die 
rückschrittlichen Kräfte rechts der Mitte noch in ihrer Ansicht gestärkt. 

> Das birgt sicherlich die Gefahr, das Schüler nicht das letzte herausholen,
> andererseits finde ich es wundervoll, wie selbstbewußt junge Menschen hier
> ihr Leben beginnen.
>

Es sollte meiner Meinung nach auch nicht darum gehen, das Letzte aus dem 
Schüler herauszuholen, sondern ihm die Grundlagen vermitteln und das nötige 
Handwerkszeug seine Wissen und Können weiter auszubauen.

> Mit gemischten Gefühlen höre ich von der europaweiten Anpassung der
> universitären Bildung an das angelsächsiche Bachelor/Master-Modell.
>

Mit gemischten Gefühlen ist nett ausgedrückt.

> Das Ansehen deutscher Akademiker hier in Australien beruht nach meiner
> Erfahrung auf der Anerkennung des oft weit mehr als das eigentliche
> Studiengebiet umfassende Wissen. Und daran mag das traditionelle Diplom
> nicht ganz unschuldig sein.
>

Naja mit Vordiplom bist Du halt nicht fertig, als Bachelor angeblich 
schon. :-)

> Anyway, das sind nur meine Gedanken. Ich erhebe keinerlei Anspruch auf
> Objektivität, zumal sich in den letzten Jahren auch in der deutschen
> Schullandschaft einiges verändert hat.
>

Objektiv kann man das Thema, glaube ich, auch nicht behandeln. Und alles was 
über den Teich kommt, sollt man sich sehr genau ansehen, bevor man es 
einführt. Das fängt bei Fastfood an und hört bei der Ausbildung noch lange 
nicht auf. 

Grüße aus Spandau

Thorsten

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