[LW] ueber computerleistung fuer den menschen

christian hunter chrishunter7 at yahoo.com
Mi Sep 29 15:19:22 CEST 2010


von Dr. Bernd Niquet

Ueberall redet man von der Explosion unseres Wissens. Auch in 
dieser Hinsicht leben wir in exponentiellen Zeiten, sagt man. 
Heute schaetzt man beispielsweise, dass die angesehene "New 
York Times" in nur einer Woche mehr Informationen liefert, 
als ein Mensch im 18. Jahrhundert in seinem ganzen Leben 
haette erfahren koennen. Das bedeutet, so heisst es, dass 
heute in jedem Jahr so viele Informationen neu hergestellt 
werden, wie vorher in einem Zeitraum von 5.000 Jahren.

Es wird geschaetzt, dass in wenigen Jahren ein Supercomputer 
existiert, der die Kapazitaet des menschlichen Gehirns ueber-
steigt. Und glaubt man den Vorhersagen, wird im Jahr 2049 ein 
Computer im Wert von 1.000 Dollar die Leistung der gesamten 
menschlichen Spezies ueberschreiten.

Doch was ist mit der Computerleistung eigentlich erreicht? 
Und wie misst man unser Wissen?

Ich vermute, dass Grossteile dessen, was man uns heute als 
Wissensexplosion verkauft, Wissen ueber Promis ist. Was die 
Damen am Abend getragen haben und wer dann mit wem dann abge-
zogen ist. Das ist die wirkliche Explosion unseres Wissens. 
Dafuer brauchen wir vierundzwanzig Fernsehkanaele und Fest-
platten so dick wie Unterarme.

Natuerlich hat es enorme Fortschritte gegeben, gerade in der 
Medizin und der Technik. Doch ist es dabei legitim, das Ge-
samtwissen der Welt zu zaehlen? Muesste man es nicht eher auf 
ein Individuum beziehen? Und wenn man das tut, was kommt dann 
heraus?

Nehmen wir einen Mediziner aus dem 18. Jahrhundert und einen 
von heute. Natuerlich kann der von heute wesentlich mehr. 
Doch hat er nicht seine Menschlichkeit verloren, den Menschen 
als Menschen zu nehmen und nicht nur als Behandlungsobjekt zu 
betrachten? Hat er damit nicht enorm Wissen eingebuesst? 
Sicherlich wird er dem Mediziner aus dem 18. Jahrhundert weit 
ueberlegen sein. Doch Exponentielles ist hier weit und breit 
nichts zu erkennen.

Und was ist mit den ganzen sonstigen Problemen? Die wirklich 
wichtigen Fragen? Ist der Mensch von der Umwelt oder seinen 
Erbanlagen gepraegt? Heute haben wir unsere Erbanlagen ent-
schluesselt. Das ergibt sicherlich mehr Informationen alleine 
in diesem Spezialbereich als im 18. Jahrhundert ueberhaupt 
weltweit vorhanden waren. Doch was nuetzen diese Information? 
Haben sie uns Wissen gebracht oder sind wir nicht eher sogar 
duemmer geworden?

Schauen wir uns doch nur den Zustand unseres Planeten an, wie 
er heute aussieht und wie er vor 200 Jahren aussah. Wenn es 
seitdem eine Wissensexplosion gegeben hat, ist das aber ein 
merkwuerdiges Wissen.

Der Fehler liegt sicherlich darin, Information und Wissen 
gleichzusetzen. Man betrachte nur die Boerse: Wer hier alles 
wuesste, wuerde alle positiven und negativen Bewertungen 
aller Kaeufer und Verkaeufer kennen, was sich im Endeffekt 
zwangslaeufig gegeneinander aufhebt. Wer hier also alles 
weiss, hoert nur noch weisses Rauschen. Wer alle Informatio-
nen kennt, weiss gar nichts mehr.

André Kostolany hat das sehr viel kuerzer und praegnanter 
ausgedrueckt: "Information=Ruination". Ich denke, wir sollten 
das von der Boerse auf die ganze Welt ausdehnen.


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AUCH IM HEISSEN HERBST IMMER NOCH AKTUELL: DIE FINANZKRISE!

Bernd Niquet, "Wie ich die Finanzkrise erfolgreich 
verdraengte", Leipzig 2010, 465 Seiten, 16 Euro, 
ISBN 978-3-86901-830-0.